Wahlkampf in der Kirche

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FENRIS
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Wahlkampf in der Kirche

Ungelesener Beitrag von FENRIS »

Artikel von Thomas Müller aus der Thüringer Allgemeine vom 28. August 2009:
Wie die Kirche Wahlkampf macht
HEILIGENSTADT (tm). Der Propst gehört zu den aktivsten Unterstützern des
Ministerpräsidenten. Einen Konflikt mit seinem kirchlichen Amt sieht er
nicht.

Heinz Josef Durstewitz ist ein politischer Mensch. Er hat es nie
verborgen. Und war in dieser Hinsicht niemals neutral. Bewusst. Seit
Jahren macht er für Dieter Althaus (CDU) Wahlkampf. Diesmal sogar auf
großen Bildern, die jedes Amtsblatt geziert haben. Darauf zu sehen:
Durstewitz neben Althaus, der visionär in den Himmel zeigt, vor der Burg
Hanstein. Der Geistliche ist auch im Team Althaus, das aus Unterstützern
des Ministerpräsidenten besteht. Er gibt ihm quasi kirchlichen Segen.

Die Verquickung gefällt selbst einigen Pfarrern im Landkreis nicht, wie
sie hinter vorgehaltener Hand sagen. "Der Propst kann sich privat
positionieren, sollte aber nicht so öffentlich in den Wahlkampf
eingreifen", meint ein Geistlicher. Er sähe den Kommissarius lieber als
neutrale Instanz, die aufruft, wählen zu gehen statt sich auf eine Seite
zu schlagen. Doch Durstewitz macht intern keinen Hehl daraus, dass er
einen Regierungschef namens Ramelow unmöglich fände. Wie er zu den
Vorwürfen steht, dazu konnte er gestern leider nicht befragt werden. Der
Propst hat sich die Woche vor der Wahl in den Urlaub zurückgezogen. Kein
Statement also auch dazu, ob Pfarrer im Gottesdienst eindeutig Partei
beziehen dürfen. So geschieht es regelmäßig in Beuren. Der dortige
Seelsorger soll seine Schäfchen nach übereinstimmenden Berichten
eindeutig angehalten haben, nicht Linkspartei zu wählen. Wahlkampf von
der Kanzel.

Der nicht bei jedem Kollegen positiv gesehen wird. Weil er
Gemeindemitglieder anderer Coleur ausschließe, gibt ein Pfarrer zu
Bedenken. Er will seinen Kirchgängern empfehlen, wählen zu gehen. Er
geht sogar so weit zu sagen, man solle nicht extrem wählen. Aber mit
einseitiger Parteiwerbung hält er sich wie viele Prediger zurück. "Der
Propst macht sich keine Freunde mit dieser Taktik", ist sich ein anderer
Kollege sicher.
Ich kenne das auch noch von früher. Da hieß es immer erst gehen wir in die Kirche und dann wählen. Der Pfarrer hat dann auch immer Lobeshymmnen auf Manfred Grund und CDU angestimmt.

Aber eigentlich schade. Es gibt in vielen Parteien und sicherlich auch bei den LINKEN Christen und viele sind auch sehr engagiert.

Aber vielleicht hat da ja jemensch ähnliche oder auch total andere Erfahrungen mit Wahlwerbung in der Kirche gemacht.
"Fleischessen ist ein Überbleibsel der größten Rohheit. Der Übergang zum Vegetarismus ist die erste und natürlichste Folge der Aufklärung."

Lew Tolstoi

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niels
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Re: Wahlkampf in der Kirche

Ungelesener Beitrag von niels »

Diesmal sogar auf großen Bildern, die jedes Amtsblatt geziert haben.
Meiner Meinung nach hat Wahlwerbung auf Amtsblättern nichts zu suchen (abgesehen von bezahlten und als solche kenntlich gemachten Anzeigen) - ebensowenig wie Kirchenangelegenheiten oder gar Glaubenfsragen (katholische / christliche Gebete o.ä.) nur einer Glaubensgemeinschaft. Was würden die Eichsfelder sagen, wenn z.B. eichsfelder Muslime zu ihren Festtagen ganze "Sonderseiten" ins Amtsblatt bringen würden? Meinetwegen kann die Kirche gern ein eigenes "Amtsblatt" oder Kirchenblatt auflegen.

Leider scheint diese "Unsitte" im Eichsfelder dennoch verbreitet - möglicherweise, weil man sonst nicht's zu drucken wüsste?

Amtsblätter werden vom Steuerzahler finanziert und unterliegen dem Verwaltungsrecht - demnach sollte es hierzu auch klare Normen geben?

Gerade durch den Auftritt im Amtsblatt entsteht dem Leser der Eindruck, Durstewitz handele als kirchlicher Würdenträger / Amtsinhaber - gerade nicht als "Privatmann". Privat kann er jede Meinung haben und die auch kundtun, soweit dies denn überhaupt jemanden interessiert.

Ich denke gerade diese Art der "Verquickung" zwischen Politik und Kirche hat einigen thüringer Wählern - vor allem außerhalb des Eichsfelds - nicht (mehr) gefallen. Der Probst hat Althaus lediglich einen Bärendienst erwiesen.

Auch wenn der "Wahlkampf von der Kanzel" im Eichsfeld weithin "statthaft" sein mag - in der heutigen Zeit zeugt er von einem "sonderbaren" Verständnis von Demokratie und Grundgesetz.

Heinrich5

Re: Wahlkampf in der Kirche

Ungelesener Beitrag von Heinrich5 »

@ Niels:
Auch wenn der "Wahlkampf von der Kanzel" im Eichsfeld weithin "statthaft" sein mag - in der heutigen Zeit zeugt er von einem "sonderbaren" Verständnis von Demokratie und Grundgesetz.
Aus diesem seltsamen Verständnis heraus resultiert auch diese eichsfeldischen Provinzposse. Siehe auch:

http://forum.eichsfeld.net/viewtopic.ph ... 1246#p3847

@ Niels:
Ich denke gerade diese Art der "Verquickung" zwischen Politik und Kirche hat einigen thüringer Wählern - vor allem außerhalb des Eichsfelds - nicht (mehr) gefallen. Der Probst hat Althaus lediglich einen Bärendienst erwiesen.
Nicht nur außerhalb des Eichsfeldes sondern auch zunehmend innerhalb des Eichsfeldes. Woraus resultieren denn sonst die gewaltigen Verluste der CDU bei den Kommunalwahlen (besonders in Heiligenstadt) und auch bei den Landtagswahlen und auch der Stimmenzuwachs bei den Linken?

@ Fenris
Ich kenne das auch noch von früher. Da hieß es immer erst gehen wir in die Kirche und dann wählen. Der Pfarrer hat dann auch immer Lobeshymnen auf Manfred Grund und CDU angestimmt.
Aber eigentlich schade. Es gibt in vielen Parteien und sicherlich auch bei den LINKEN Christen und viele sind auch sehr engagiert.
Nicht nur Christine Lieberknecht und Christoph Matschie sind engagierte evangelische Christen sondern auch Bodo Ramelow. Ramelow (wenn auch kein studierter Theologe) ist kirchenpolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag.

Siehe auch hier:

http://www.bodo-ramelow.de/medien/auf_d ... abrahams2/

Ein Auszug daraus:
…………Besonders herzlich wurde Bodo Ramelow von Abt Pitum begrüßt, Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde München und Schatzmeister des Internationalen Rats von Christen und Juden. Überraschend das Wiedersehen mit dem Salesianer-Pater Norbert Hoffmann, Sekretär der Päpstlichen Kommission für die Beziehungen zum Judentum, die zum Rat für die Einheit der Christen gehört: «Wir kennen uns vom Besuch der kirchen- bzw. religionspolitischen Sprecher und Sprecherinnen der Bundestagsfraktionen im Vatikan. Er kam strahlend auf mich zu und wir führten am Rande der Konferenz ein intensives und spannendes Gespräch über soziale Gerechtigkeit und das Auseinanderbrechen der europäischen Gesellschaften in Ultra-Reiche und Ultra-Arme. Wir sind uns schnell einig geworden, dass die Fundamente der Gesellschaft gestärkt werden müssen und dass dabei Begriffe wie Solidarität und Gerechtigkeit wichtige Elemente sind. Darüber kamen wir zu einer Überlegung von Gregor Gysi über die Bedeutung und die Glaubwürdigkeit von Religion und Glauben in einer Welt, in der die Idee des Sozialismus großen Schaden genommen, aber auch angerichtet hat.» Bodo Ramelows Fazit von seinem Jerusalem-Besuch ist zugleich auch der Tenor der gesamten Tagung: «Träumen wird man ja noch dürfen.» 2009 findet die Jahreskonferenz des Internationalen Rates von Christen und Juden in Berlin statt: eine gute Gelegenheit für Bodo Ramelow, die neuen Kontakte zu vertiefen.
Gruß,
Heinrich5

Christel
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Re: Wahlkampf in der Kirche

Ungelesener Beitrag von Christel »

Hinweis:
Das Thema wurde von Heinrich5 » Fr 28 Aug, 2009 8:14 unter Politik und Gesellschaft „Skiunfall: Althaus sieht sich nicht schuldig“ bereits angesprochen:
http://www.eichsfeld.net/eicforum/viewt ... f=9&t=1206


Ich finde hier passt es viel besser! :)
An anderer Stelle sagte ich bereits, dass die Demokratie von Pluralismus lebt.
Dies ist nicht nur ein Pluralismus der Privatpersonen, sondern auch der Gruppen und Kräfte.
Eine Demokratie leidet nicht an der Meinungsäußerung von Gruppen oder Personen, sondern man Rückzug ins Private.

Sollten sich Parteien durch die Wahlwerbung von Pfarrern benachteiligt fühlen, dann steht es ihnen frei, bei den Pfarren... für ihre Politik zu werben.

Christen, auch Pfarrer sind Staatsbürger mit allen Pflichten und Rechten. Sie haben auch das Recht zur freien Meinungsäußerung.

http://www.artikel5.de/
Artikel 5 Grundgesetz
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.
„Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.“ Dietrich Bonhoeffer (Widerstand und Ergebung)

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niels
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Re: Wahlkampf in der Kirche

Ungelesener Beitrag von niels »

ja,

aber nicht auf einem steuerfinanzierten Amtsblatt.

Parteipolitik und Werbung (sofern nicht als solche gebucht, bezahlt und für den Leser kenntlich gemacht) hat dort gar nichts zu suchen - dafür können die Parteien schön in ihre eigenen Wahlkampfkassen greifen.

Wenn die Kirchenanhänger diese "Einnordungen" der Kirchgänger zur Wahl selbst gut finden, steht es Ihnen frei. Die Wahlen aber werden (zum Glück) nicht in der Kirche gemacht.

Für Nicht-Christen (die soll es in Thüringen ja auch geben) erhärtet sich lediglich der Eindruck, die Thüringer CDU sei eine Art "Kirchenpartei" - so zumindest höre ich das vorrangig von Thüringern, die mit Kirche wenig bis nichts am Hut haben. Immerhin gab es "Wahlempfehlungs-Agitation" ähnlicher Art ja auch in der DDR durch die SED - in Betrieben, Brogaden usw. Allerdings haben die betr. Pfarrer wohl nicht damit gerechnet, das ihre Predigten auch außerhalb der Kirche Beachtung finden würden. Ich persönlich finde es - wie wohl auch viele nicht-türkische Moslems - bekloppt, das in den meisten deutschen öffentlichen Moscheen die türkische Staatsflagge groß an der Wand hängt.

In öffentlich finanzierten deutschen Schule gehört kein Kreuz an die Wand, so wie kein Politiker auf eine Kanzel gehört...

Meine Aw. zu diesem Thema habe ich soeben bereits in "Politik und Gesellschaft" gepostet. Ggf. sollten wir die Themen entsprechend zusammenführen?

Christel
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Re: Wahlkampf in der Kirche

Ungelesener Beitrag von Christel »

Hallo Niels, ich fürchte, wenn wir die Themen zusammenführen wird es unübersichtlich für die Mitleser.

Ich setze unter „Politik & Gesellschaft“ einen Hinweis auf diese Seite und antworte Dir hier.
Wer nicht alles lesen möchte, kann dennoch das Thema verfolgen.

Zunächst stelle ich fest, wir stimmen darin überein, dass jeder Pfarrer als Privatperson öffentlich seine politische Meinung kundtun darf.

Stellt sich die Frage, darf er es auch als Amtsträger?
Darf ein Pfarrer als Amtsträger eine Partei favorisieren? Darf die Kirche das als Institution?

Das lässt sich mit einem klaren JA beantworten. (Jedenfalls aus staatlicher Sicht.)
niels hat geschrieben:Ähnlich wäre wohl, wenn ein Richter - vielleicht noch in einer Verhandlung - den Anwesenden die Wahl einer Partei nahelegt.
Nein, das ist nicht so. Kirche und Staat sind getrennt. Die Kirche ist nicht der Staat.
Der Staat ist zur Neutralität verpflichtet, die Kirche nicht.

Die Kirche hat das Recht, ausgehend von ihrem Standpunkt gesellschaftliche Gruppen, auch Parteien zu bewerten und Empfehlungen zu geben.

Wenn es ein Amtsträger oder auch die Kirche (aus staatlicher Sicht) grundsätzlich darf, stellt sich die Frage, ist es sinnvoll?

Ja und Nein. Es hat Vor- und Nachteile. Manchmal ist die Kirche sogar verpflichtet sich zu äußern, um des Evangeliums willen. – Man kann schlecht Pius XII verwerfen geschwiegen zu haben und gleichzeitig die Kirche zur Neutralität und zum Schweigen verpflichten wollen.

Nachteile solcher Positionierungen wurden schon benannt.

Ein Vorteil könnte es sein, Parteien zu zwingen auf kirchliche Belange Rücksicht zu nehmen.
Demokratie lebt vom Spiel der Kräfte, nicht nur von Individuen, sondern auch von gesellschaftliche Gruppierungen. Die Kirche ist so eine Gruppe und wie jeder andere Gruppierung hat sie das Recht für ihre Sache einzutreten und ihre Position zu behaupten.
niels hat geschrieben: Demokratie heisst, auch das es sich nicht gehört auf die Meinung eines Wählers derart Einfluß zu nehmen, die seine freie Entscheidung beeinträchtigen könnte. Schon die Option ist verpöhnt.
Nein, wie oben erläutert hat die Kirche das Recht ganz klar Position zu beziehen!
Sie hat auch das Recht argumentativ Einfluß auf Wahlentscheidungen zu nehmen.

Katholiken werden das werten, drüber nachdenken, es ablehnen oder auch befürworten. Entscheiden muß sich letztlich jeder selbst. Die freie Entscheidung wird dem Katholiken dadurch nicht genommen.

LG Christel
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niels
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Re: Wahlkampf in der Kirche

Ungelesener Beitrag von niels »

mit JA beantworten (jedenfalls aus staatlicher Sicht)
Du meinst wohl eher aus kirchlicher Sicht?

Mir ist eigentlich auch egal, was eine Gruppierung wie die katholische Kirche es ist ihren Anhängern vorgibt bzw. predigt - solange sie sich nicht in die Politik einmischt. Auch die DITIP - die wichtigste Organisation der türkischen Regierung in Deutschland - gibt ihren Volksgenossen recht klare politische Meinungen und Forderungen vor. Ich fühle mich beiden Gruppen nicht zugehörig - fühle mich aber bedrängt, wenn beide Gruppierungen Forderungen für alle Bürger stellen.

Aber darum geht es mir auch nicht. Als Bürger möchte ich erstmal nicht, das ein Amtsblatt für derartige Zwecke mißbraucht wird - das ist eng ausgelegt sogar verboten. Zudem kann ich nachvollziehen, wenn gerade nicht-katholische bisherige CDU-Wähler das "Kreuzchen" einer anderen Partei geben, weil sie sich - in ihren (der Kirche zuweilen entgegen laufenden), Interessen - von der CDU nicht aequivalent vertreten bzw. beachtet fühlen. Manche beschleicht vielleicht auch das Gefühl, das sich die Politik damit nur noch weiter von der Realität entfernt, in der es wichtigere Aufgaben zu lösen gäbe.

Ebenso gehört es sich nicht, das ein Arbeitgeber seinen Angestellten Wahlvorgaben gibt. Ein Unterschied liegt auch in "empfehlen" und "vorgeben" - diese Grenze wurde, schenkt man den obigen Berichten Beachtung - arg strapaziert (wenn nicht sogar überschritten) - allerding sehe ich mich nicht als katholischen Christen und kenne daher die Grenze zu dem, was in der Kirche statthaft oder doch schlicht anmaßend ist, nicht... Für mein Verständnis ist eine Mess-Predigt keine "offene Plauderei", sondern als Teil einer für Christen obligatorischen Messe eine Art "Verwaltungsakt" der "Amtskirche" - die natürlich ihre eigenen Regeln spielt und spielen kann

Meinetwegen kann die CDU auch ihre Parteitage auf dem Kirchentag oder in einer Kirche durchführen - Pluspunkte sammelt sie bei mir damit sicher keine - so sicher auch bei nicht wenigen anderen Wählern. In einer freiheitlichen Gesellschaft gibt es Dinge, die nicht in die Politik gehören. Fragt sich halt nur, wie weit die Menschen für die Freiheit offen sind. Wenn sich Christen von Ihren Hirten politisch "lenken" lassen (statt selbst eine Meinung zu bilden) tut mir das leid - kann man dann aber wohl kaum ändern. Es zeugt jedenfalls nicht von freier Meinung.

Christel
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Re: Wahlkampf in der Kirche

Ungelesener Beitrag von Christel »

Nein Niels,

ich meine aus staatlicher Sicht. Die Kirche hat wie jede andere Organisation in unserem Staat selbstverständlich das Recht sich in die Politik einzumischen.

Jedes Ansinnen, dies zu unterbinden, ist undemokratisch!
Eine Demokratie kann nicht darüber befinden, welche Organisation sich am demokratischen Willensprozess beteiligen darf und welche nicht.

Das Ansinnen Maulkörbe zu verteilen ist alles andere, aber nicht demokratisch!

Aus kirchlicher Sicht, steht die Frage anders. Hier reicht die Meinungspalette von „die Kirche soll sich nicht in die Politik einmischen“ bis zu Aussagen (die ich bei den Jesuiten fand) „Die Versuchung unpolitisch zu sein."
Die „Theologie der Befreiung“ ist nicht unpolitisch, Jesuiten halten sie für notwendig: http://www.jesuiten.org/aktuell/index.htm
Die Theologie der Befreiung ist nach Ansicht des Münchner Jesuiten Martin Maier auch 40 Jahre nach ihrer Entstehung aktuell wie nie. Der Skandal von Armut und Ungerechtigkeit präge nicht nur die Situation Lateinamerikas, sondern die Welt insgesamt, scheibt Maier, Chefredakteur der Monatszeitschrift 'Stimmen der Zeit', in der September-Ausgabe. Die Globalisierung habe dagegen nichts getan. Durch sie sei vielmehr die Kluft zwischen Arm und Reich noch vertieft worden. Die Folgen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise würden die Armen am härtesten treffen, wobei sie dafür am wenigsten Verantwortung trügen.
Diktaturen haben gewöhnlich etwas dagegen, dass sich die Kirche in die Politik einmischt.

Welcher Preis dafür zuweilen zu zahlen ist beschreibt Jon Sobrino in seinem Buch „Der Preis der Gerechtigkeit“. Das Buch ist sehr lesenswert. Es hat mich sehr beeindruckt!
Ignacio Ellacuría wurde 1989 zusammen mit fünf weiteren Jesuiten und zwei Mitarbeiterinnen von einem Sonderkommando der salvadorianischen Armee ermordet. Sein Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden war den Herrschenden schon lange ein Dorn im Auge. Jon Sobrino überlebte diesen Mordanschlag nur, weil er zu diesem Zeitpunkt auf einer Auslandsreise war.
Seit 1990 hat Sobrino jeweils zum Todestag fiktive Briefe an seinen Mitbruder und Freund geschrieben. Er setzt darin in bewegender Weise ein Gespräch fort, in dem sowohl persönliche als auch kirchliche und weltpolitische Fragen zur Sprache kommen.
http://www.echter.konkordanz.de/product ... gkeit.html


Eine Meinung ist nicht schon deshalb frei, weil sie antikatholisch ist. Wer das Gegenteil macht, von dem was der Pfarrer sagt, bezeugt damit nicht seine Freiheit sondern seine Abhängigkeit und Unmündigkeit.
niels hat geschrieben:Für mein Verständnis ist eine Mess-Predigt keine "offene Plauderei", sondern als Teil einer für Christen obligatorischen Messe eine Art "Verwaltungsakt" der "Amtskirche" - die natürlich ihre eigenen Regeln spielt und spielen kann
Die Amtskirche wird in unserem Bereich durch Bischof Joachim Wanke repräsentiert, auch das Eichsfeld.
Bischof Wanke hat nicht dazu aufgerufen eine bestimmte Partei zu wählen!
Das sei klar festgestellt. Alle verallgemeinernden Aussagen, die Kirche mischt sich parteiisch in den Wahlkampf ein, sind irreführend. Spekulation über Vorgaben, sind schlichtweg falsch.

Eine Predigt ist kein Verwaltungsakt! Die Aufgabe besteht darin das Evangelium für unserer Zeit auszulegen. Was ein einzelner Pfarrer sagt, ist noch lange nicht die Meinung der ganzen Kirche, noch nicht mal der ganzen Kirche vor Ort.

Da, wir Gott sei Dank, seit 20 Jahren geheime und freie Wahlen haben, kann eh keiner wissen, wer was wählt. Jeder kann aufrufen und bestimmte Positionen vertreten, jeder hat das Recht dazu.

Die Wahlentscheidung liegt beim einzelnen Bürger. Gerade kirchliche Kreise haben sich vor zwanzig Jahren dafür eingesetzt, dass dies möglich wurde. – Es begann nicht auf der Straße. Wir trafen und in kirchlichen Räumen. Nicht nur in Berlin, auch bei uns gab es solche Aktionen und dann wurde nachgezählt, damals 1989:
Am 7. Mai 1989 sind die DDR-Bürger wieder einmal aufgerufen, die „Kandidaten der Nationalen Front“ zu wählen. Das Wahlverfahren ist wie eh und je nur scheinbar demokratisch: Auf einer von der SED abgesegneten Einheitsliste stehen die Kandidaten, die fast keinem der Wähler bekannt sind. Eine Abstimmung über einzelne Wahlvorschläge ist nicht möglich. Für die gesamte Liste gibt es nur die Unterscheidung zwischen Ja-Stimme, Nein-Stimme und ungültiger Stimme. In der Bevölkerung wird der Gang zur Wahlurne deshalb auch treffend als „Zettelfalten“ bezeichnet.
http://www2.jugendopposition.de/index.p ... D=Wahlfall
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niels
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Re: Wahlkampf in der Kirche

Ungelesener Beitrag von niels »

nein, l.iebe Christel,
nicht jede Form von "Einmischung" in die Politik ist erlaubt - egal vom wem auch immer.

Jedes Ansinnen, welches auf Einhaltung der demokratischen Regeln zielt, ist demokratisch. Hier gehnt es auch nicht darum, das der Person Durstewitz mundtot gemacht werden soll.

In der Art und Weise des Auftrittes hat sich Durstewitz / Althaus offenbar zumindest "unklar positioniert" (ist er nun privat oder nicht - das war übrigens nicht meine Diskussion / Argumentation, sondern wohl seine eigene), was daher von einigen Bürgern als anmaßend empfunden wurde. Die Reaktionen / Kritiken zeigen dies ja.

Meines Wissenns ist Durstewitz Probst (im Eichsfeld) und Probst ist ein Kirchenamt. Ein Amt ist immer mit hoheitliuchen Befugnissen verknüpft - auch wenn diese nur "theoretischer" Natur sind. Ist das nicht der Fall, führt sich schon die Amtsbezeichnung selbst ad absurdum. Ich glkaube aber nicht, das die Kirche mit ihren Ämtern einem Karnevalsverein gleich steht.

Es gibt Diktaturen ohne wie mit der Kirche - in den ersteren wird die Regierung die Kirche draußen halten wollen, in letzterer gezielt einbeziehen.

Nicht die Kirche hat damals die freien Wahlen erkämpft, sondern der "einfache" DDR-Bürger. Dike Kirche hat sich immer schön und gezielt rausgehalten - viele Pfaffen waren sogar gegen jede - vor allem offene - Opposition.

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Re: Wahlkampf in der Kirche

Ungelesener Beitrag von Christel »

Lieber Niels, ich war damals dabei und Pfarrer waren auch dabei. – Mir kannst Du nichts erzählen.

Die Verallgemeinerung „die Kirche“ stammt nicht von mir. (Das stößt mir die ganze Zeit negativ innerhalb der Diskussion auf. Das ist irreführend.)

Ich sprach von „kirchliche Kreise“. Die Opposition (dabei viele Christen) fand in kirchlichen Räumen Aufnahme, dank Trennung von Kirche und Staat. – Ich bin für die Trennung von Kirche und Staat, denn das ist ein Freiheitsgewinn für die Kirche.
Die Kirche selbst saß dann mit am „Runden Tisch“, den regionalen so wie auch am zentralen „Runden Tisch“ – zurecht.
niels hat geschrieben:Ich glkaube aber nicht, das die Kirche mit ihren Ämtern einem Karnevalsverein gleich steht.
Richtig, denke daran, dass die kath. Kirche zentralistisch ist. – Ich bin zwar kein Kirchenrechtler, aber soviel habe ich im Theologiekurs gelernt, dass der Chef im Bistum der Bischof ist. Er hat das eigentliche Sagen.

Also bitte nicht verallgemeinern und auf die ganze Ortskirche (Bistum) beziehen, wenn ein einzelner Priester etwas macht.
Ein Bischof ist nach dem heutigen katholischen Kirchenrecht der Leiter und Repräsentant einer so genannten Ortskirche, also eines Bistums oder Erzbistums. http://www.goruma.de/Wissen/Gesellschaf ... index.html
In meiner Gemeinde wurde zur Wahl aufgerufen, aber nicht für eine bestimmte Partei geworben.
„Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.“ Dietrich Bonhoeffer (Widerstand und Ergebung)

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Re: Wahlkampf in der Kirche

Ungelesener Beitrag von Christel »

Lieber Niels, ich war damals dabei und Pfarrer waren auch dabei. – Mir kannst Du nichts erzählen.

Die Verallgemeinerung „die Kirche“ stammt nicht von mir. (Das stößt mir die ganze Zeit negativ innerhalb der Diskussion auf. Das ist irreführend.)

Ich sprach von „kirchliche Kreise“. Die Opposition (dabei viele Christen) fand in kirchlichen Räumen Aufnahme, dank Trennung von Kirche und Staat. – Ich bin für die Trennung von Kirche und Staat, denn das ist ein Freiheitsgewinn für die Kirche.
Die Kirche selbst saß dann mit am „Runden Tisch“, den regionalen und am zentralen „Runden Tisch“ – zurecht.
niels hat geschrieben:Ich glkaube aber nicht, das die Kirche mit ihren Ämtern einem Karnevalsverein gleich steht.
Richtig, denke daran, dass die kath. Kirche zentralistisch ist. – Ich bin zwar kein Kirchenrechtler, aber soviel habe ich im Theologiekurs gelernt, dass der Chef im Bistum der Bischof ist. Er hat das eigentliche Sagen.

Also bitte nicht verallgemeinern und auf die ganze Ortskirche (Bistum) beziehen, wenn ein einzelner Priester etwas macht.
Ein Bischof ist nach dem heutigen katholischen Kirchenrecht der Leiter und Repräsentant einer so genannten Ortskirche, also eines Bistums oder Erzbistums. http://www.goruma.de/Wissen/Gesellschaf ... index.html
In meiner Gemeinde wurde zur Wahl aufgerufen, aber nicht für eine bestimmte Partei geworben.
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Re: Wahlkampf in der Kirche

Ungelesener Beitrag von Christel »

Will man herausfinden, was „die Kirche“ sagt, dann hat ein Aufruf eines Bischofs oder gar der Deutschen Bischofskonferenz mehr Gewicht, als die Meinung eines Propstes. - (Aber nicht vergessen, letztlich sind alle, die zur Kirche gehören „die Kirche“, auch die Laien.)

Die deutschen Bischöfe rufen auf zur Wahl zu gehen. Sie meinen „Wahlenthaltung ist keine vernünftige und konstruktive Antwort auf tatsächliche oder vermeintliche Missstände“.

Welche Überlegungen, sollten nach Meinung der Bischöfe in die Wahl einfließen: http://www.dbk.de/aktuell/meldungen/02004/index.html
Die Maßnahmen zur Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise sollten „ethisch“ geklärt sein, etwa im Hinblick auf die Belastung der nächsten Generationen oder auf die internationale Lastenverteilung. Wesentlich sei auch „der Schutz der Würde und des Lebens des Menschen in allen Phasen seiner Existenz.“ Desweiteren gehöre „zu den Aufgaben der Politik auch die Förderung eines kinder- und familienfreundlicheren Umfelds“.

Die Bischöfe forderten in ihrem Wahl-Appell zudem zukunftsfähige soziale Sicherungssysteme: „Pflegebedürftige Menschen und Menschen mit Behinderungen sowie ihre Familien dürfen nicht im Stich gelassen werden.“ Außerdem sei weder die Armut noch die steigende Arbeitslosigkeit hinnehmbar. „Kinderarmut ist in unserem wohlhabenden Land ein Skandal, der dringend Abhilfe verlangt.“

Die Bischöfe halten eine verbesserte Bildungspolitik für notwendig, da die Bildungschancen nach wie vor ungleich verteilt seien. „Die Verbesserung der Chancen gerade sozial schwacher Menschen im Bildungswesen ist eine wichtige politische Herausforderung.“ Die Ausländer- und Migrationspolitik sei daran zu messen, ob sie den Betroffenen Grundrechte und humane Lebensbedingungen gewährleiste. Außerdem bedürften die Menschen in Entwicklungsländern „unserer Solidarität“.
Aufruf der deutschen Bischöfe zur Bundestagswahl am 27. September 2009“ Hier der gesamte Text:
http://www.dbk.de/imperia/md/content/pr ... gswahl.pdf
„Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.“ Dietrich Bonhoeffer (Widerstand und Ergebung)

Heinrich5

Re: Wahlkampf in der Kirche

Ungelesener Beitrag von Heinrich5 »

Will man herausfinden, was „die Kirche“ sagt, dann hat ein Aufruf eines Bischofs oder gar der Deutschen Bischofskonferenz mehr Gewicht, als die Meinung eines Propstes. - (Aber nicht vergessen, letztlich sind alle, die zur Kirche gehören „die Kirche“, auch die Laien.)
Es besteht doch ein großer Unterschied, wenn von den Kanzeln herunter gepredigt wird, dass ein katholischer Eichsfelder nun mal gefälligst aus Glaubensgründen heraus die CDU wählen soll und keinesfalls die Linken und dazu ein Probst (Quasi Chef des Eichsfelder Klerus) als offener Unterstützer der CDU auftritt, oder ob die Bischöfe dazu auffordern überhaupt zur Wahl zu gehen und dazu auch "Wahlempfehlungen" geben ohne eine Partei dabei namentlich zu benennen.

Wahlempfehlungen geben ja auch die Dachverbände und Organisationen beispielsweise der Bauern, Jäger, Schützenvereine, Kleintierzüchter usw. Das ist auch in Ordnung und nicht zu beanstanden. Dabei wird keine Partei genannt, sondern man holt sich von den Parteien Aussagen zu diesem und jenem Problem oder Vorgang ein. Der Wähler kann sich anhand dieser Aussagen dann selbst ein Bild machen, welche Partei er wählen will.

Im Aufruf der deutschen Bischöfe zur Bundestagswahl 2009 wurde im Übrigen nicht zu den konkreten Aussagen der Parteien Stellung genommen sondern man geht von eigenen kirchlichen Wünschen und Vorstellungen aus. Unterschwellig wird dem kirchentreuen Wähler dann damit auch wieder vermittelt, dass die Union am besten geeignet ist, diese Wünsche zu erfüllen.

Gruß, Heinrich5

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