Kreissängertreffen

Was ist los in der Eichsfelder Szene?

Moderator: Szene

mar
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Kreissängertreffen

Ungelesener Beitrag von mar » Samstag 18. Oktober 2014, 03:41

Oh, Nein! Es gibt im Eichsfeld weltliche Gesangsvereine. Und die fühlen sich ausgeschlossen. Johannes Schmidt vom Männergesangverein MGV "Concordia" 1879 Uder schreibt: Schwer zu vermitteln ist allerdings, dass für das auf dem Scharfenstein 2015 geplante Chortreffen das bewährte "Kreissängertreffen" herhalten muss. Nicht zu vermitteln deshalb, weil das Treffen, so geht es aus den Einladungen, dem geplanten Ablauf und aus dem Internet hervor, offensichtlich ein Chortreffen für Kirchenchöre ist. Messe "Missa simplex", "Unser Papstlied", "Chorbuch Gotteslob" (auch für den "ständigen Gebrauch"), für jedes Chormitglied wird ein "Gebets- und Liederheft" gedruckt, Kirchenmusikdirektor Michael Taxer bietet Proben für Chorleiterinnen und Chorleiter an."

Hey Sänger, ihr seid doch Männer! Meldet euch doch mutig mit deutschem Kulturgut zum Programm! "Das Lieben bringt groß Freud", das schöne Volkslied vom Jäger und seiner Lola. Oder was schönes Vertontes von Heine wie "Auf deinen schneeweißen Busen / Hab’ ich mein Haupt gelegt". Tucholsky ist ja eher nicht so der Sänger. Mhm, Brecht, natürlich. B. Traven, vom Tanzlied des Totenschiffes habe ich leider keine klassische Version gefunden, hier ist eine modernere Vertonung, auch nicht schlecht. Es wollt ein Bauer früh aufstehen. Das Lied vom Karmjeliter. Papst und Sultan. Alles hohes deutsches Kulturgut. Also Männer, nicht weinen: anmelden und mitsingen!

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Re: Kreissängertreffen

Ungelesener Beitrag von niels » Donnerstag 30. Oktober 2014, 22:49

Das erinnert mich an die systematische Verdrängung konfessionsunabhängiger Pfadfindergruppierungen aus dem Eichsfeld, die ich selbst en detaille miterleben durfte. Inzwischen gibt es afaik ja auch fast keinen Jugendclub mehr, der nicht einer kirchlichen Einrichtung unterstellt wurde und ginge es nach so manchem Eichsfeldkatholen, dann gäbe es bald auch keine Schulen oder Kindergärten mehr, in denen Kinder und Jugendliche der christlichen Vereinnahmung und Indoktrination entschlüpfen könnten.

Im Zweifel ist die "bewährte" Stategie wohl immer wieder einfach ignorieren und dumm stellen - typisch katholisch halt. Etwas mehr Vielfalt würde der eichsfeldischen Einfalt tatsächlich nicht schaden - schon gar nicht im Gesang. ß)

mar
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Re: Kreissängertreffen

Ungelesener Beitrag von mar » Sonntag 9. November 2014, 22:18

Konfessionsunabhängige Pfadfindergruppierungen, gab's die hier? Welche? Wo?

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Re: Kreissängertreffen

Ungelesener Beitrag von niels » Montag 17. November 2014, 10:18

Bereits 1989/90 habe ich mit Unterstützung von (konfessionsunabhängigen) Pfadfindern aus Göttingen begonnen, einen Pfadfinderstamm in Heiligenstadt samt eigenem Pfadfinderbund ("Phoenix"), der vornehmlich thüringer und hessische Stämme vertrat, aufzubauen und bereits 1992 hatte allein der Stamm "Hansteiner" in HIG um die 25-30 (die meisten sehr aktive) Mitglieder, der junge Bund hatte mehrere tausend Mitglieder (für 1 Jahr war ich mal stellv. Bundesführer).

Nachdem uns der Pfarrer in Uder die Nutzung eines der vielen in Uder der Kirche gehörenden Räumlichkeiten erlaubte, um wöchentliche Treffen abzuhalten, entzog er uns umgehend die Räumlichkeit als er hörte, das wir auch nichtkonfessionelle Mitglieder aufnehmen würden, wir deshalb sein "Angebot", einmal monatlich eine katholische Bibelstunde mit uns abzuhalten, freundlich ablehnten.

Die Mehrheit der Mitglieder war christlich, wie im Eichsfeld "üblich", aber so wie es Katholen und Protestanten gab, gab es auch Atheisten und Andersgläubige, weshalb die Religion in der Pfadfinderarbeit keine Rolle spielte. Ebenso hielt und hält dies z.B. auch der göttinger Stamm, der einem anderen Bund angehört. Während der damals älteste göttinger Pfadfinder (Prof. Falter Toews) für seine lebenslange Jugendarbeit von der Stadt Göttingen mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurde - wurde die Arbeit der Pfadfinder im Eichsfeld von seitens Politik und Kirche passiv wie aktiv erschwert.

Im Gegensatz zu kirchlichen Pfadfindern arbeiten unsere Gruppen ("Sippen") weitgehend autharg und demokratisch. Der Begriff "Führer" verwirrt u.U, da kein Sippen- oder Stammesführer eigene Entscheidungsgewalt hat - obgleich demokratisch gewählt - sondern vornehmlich die Gruppe vertretende Funktionen ausübt. Die Führer sind nicht älter als die anderen Mitglieder. Bei kirchlichen Pfadfindern ist nicht selten der Pfarrer oder ein kirchennaher Erwachsener der Stammesführer und auch die Sippenführer werden direkt bzw. indirekt vom Pfarrer "eingesetzt" - die Hierarchien sind idR straffer und höher und der Umgang miteinander hatte für meinen Geschmack etwas "militärisches", das die mir bekannten konfessionsunabhängigen Gruppen / Sippen so nicht im Ansatz kannten, eher noch als verpöhnt galt. Mein Eindruck war/ist: bei Kirchenpfadfindern geht es vornehmlich darum zu lernen sich "unterzuordnen", Autoritäten anzuerkennen uswusf, statt (wie bei z.B. uns) eigenverantwortlichkeits- und freiheitsliebend in der Gruppe gemeinsam zu agieren.

Nur durch persönlichen Einsatz eines kurz danach in Rente gehenden Mitarbeiter des Jugendamtes und Kreisjugendringmitglied war es uns möglich, ein altes Bungalowgelände von der Stadt zu pachten und auf Vordermann zu bringen - Keisjugendring und Pfarrer versuchten sich wehement gegen unsere Gruppierung zu wehren und wollten u.a. das gelände auch noch der Kirche für "Jugendarbeit" überlassen, obglich die Kirche schon damals über mehr als genug Immobilien und Räumlichkeiten für derlei Zwecke verfügte. Aber auch die lokale Presse hielt sich uns gegenüber merh als "zurück" und druckte lediglich einen einzigen Bericht während der 3 Jahre, die ich als Stammesführer gewählt den Stamm aufbaute und leitete (und späer gabe s afaik auch keine Berichte, obgleich es immer wieder Kontaktaufnahmen unsererseits gab). Ein Pfarrer aus dem Kreisjugendring (was haben da eigentlich Pfaffen drin zu suchen?) hatte in die Welt gesetzt, das wir soetwas wie "junge Pioniere" seien - eine Art Überbleibsel des alten DDR-Regimes - und das blieb bei vielen so wohl auch hängen...

Es gab aber auch einzelne, die uns wirklich und uneinegschränkt halfen - so z.B. Herr Meier vom "Iberg" in HIG, der uns gelegentlich ein Stück Waldfläche für Wochenenden überließ.

Heute sind viele der damaligen Pfadfinder weggezogen aus dem Eichsfeld und in die ganze Welt gegangen und einige haben sogar Pfadfinder aus anderen Ländern geheiratet, die sie damals bei internationalen, gemeinsamen Aktionen, Fahrten u.ä. kennengelernt haben. Die Offenheit für die Vielfalt, die die Welt zu bieten hat, ist mEn doch bei vielen ein Stück ihres Herzens geblieben. Heute treffen sich zuweilen wohl noch ein paar "ehemalige" Mitglieder samt ihren Familien einmal im Jahr auf dem Hanstein - dabei sind auch göttinger Freunde. Ich weiß aber nicht, inwieweit der Stamm heute noch aktiv ist bzw. existiert. Nach meinem Weggang habe ich die Fortentwicklung nicht weiter verfolgt.

Deutschland ist im sog. "internationalen Pfadfinderbund" ausschließlich mit den großen kirchlichen Gruppen vertreten, da jedes Land wohl nur die zwei größten Gruppierungen akzeptierte. Dennoch ist auch der internationale Bund nichtkonfessionell und dessen Treffen/Veranstaltungen gleichen nicht kirchlichen Jugendveranstaltungen, wie es bei den deustchen Mitgliedern der Fall ist.

Unser Stamm war sehr aktiv und auch im Umfeld der Stadt sehr engagiert (z.B. Naturschutzeinsätze, Wälder aufräumen).


http://eichsfeldwiki.de/Burg_Hanstein#d ... tein_heute
http://www.gsol-online.com/detail/Pfadf ... 2679deba35

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Re: Kreissängertreffen

Ungelesener Beitrag von mar » Dienstag 13. Januar 2015, 06:58

Hi, niels. Interessante Geschichte. Wusste vorher nicht, dass es sowas in Heiligenstadt gab. Sieht so aus, als ob die übrigen Gruppen des Pfadfinderbunds Phoenix jetzt in einem anderen Bund aufgegangen sind. Unabhängig von den Widerständen, die ihr in Heiligenstadt hattet, ist es ja häufig so, dass eine jugendbewegte Gruppe eine Hochzeit hat und dann eingeht, wenn die tragenden Personen zum Studieren weg gehen, oder ihre eigenen Familien beginnen eine größere Rolle in ihrem Leben zu spielen. Und das sind häufig die "besseren" Gruppen. Stabilität gibt es immer dann, wenn Erwachsene Interessen haben, die Gruppe am Leben zu halten: politisch, religiös oder ... äh ... in einigen Fällen vielleicht auch pädophil. Das ist dann aber eher Jugendpflege als Jugendbewegung.

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