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Zu Adenauers heutigem 150. Geburtstag

Verfasst: Montag 5. Januar 2026, 09:22
von Atheisius
Konrad Adenauer wurde am 5. Januar 1876 in Köln geboren. Er war von 1949 bis 1963 Bundeskanzler und starb am 19. April 1967 in Rhöndorf.

Konrad Adenauer legte die Weichenstellungen an, die der erste Kanzler der Bundesrepublik nach dem Krieg vornahm:
• die Westbindung,
• die Aussöhnung mit Frankreich,
• den Beitritt zur Nato,
• die Aussöhnung mit Israel,
• die europäische Integration.

Ex-Bundestagspräsident Norbert Lammert erinnert dabei an die Verdienste des CDU-Mitbegründers, dann spricht EVP-Vizepräsident David McAllister. Er hat seine Rede mit einem Adenauer-Zitat von 1956 überschrieben: "Der europäische Gedanke ist kein bloßes Mittel zum Zweck,
sondern ein neues Ideal, an das wir glauben."


Bundespräsident Steinmeier oder Kanzler Merz werden den Festakt nicht mit einer Rede beehren. ??

Anlässlich warnte Joschka Fischer vor der AfD.
Fischer hat dazu aufgerufen, an Adenauers europäischem Kurs festzuhalten. Dabei kritisierte er auch die AfD. "Adenauer hat die Europäisierung Westdeutschlands vorangebracht", sagte Fischer. Das war seine riesige historische Leistung, und die wird jetzt durch die AfD infrage gestellt. Machen wir uns da keine Illusionen." Die AfD wolle zurück zum "alten preußisch geprägten Deutschland". Fischer betonte: "Dass wir dagegen an der Europäisierung festhalten, ist unser oberstes nationales Interesse."

Fischer übte aber auch Kritik an Adenauer. Innenpolitisch sei Adenauer "sehr rückwärtsgewandt" gewesen, so Fischer. Die Rolle von Kanzleramtschef Hans Globke, Kommentator der Nürnberger Gesetze, sei "eine ganz dunkle Stelle". In der Außenpolitik habe Adenauer jedoch "Großartiges geleistet". Fischer: "Außenpolitisch verdanken wir ihm unendlich viel."
Als "Kernpfeiler im Fundament Europas" bezeichnete Fischer die deutsch-französische Aussöhnung. Diese sei aber "nie eine Alternative zu seinem Verhältnis oder dem der Bundesrepublik zu den USA" gewesen.

https://adenauerhaus.de/aktuelles-und-t ... d-adenauer

In einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr hielten die Deutschen Angela Merkel für die wichtigste Bundeskanzlerin, gefolgt von Helmut Schmidt. Erst danach folgte Adenauer. Wie sehr sich die Deutschen doch täuschen können! Denn welcher Kanzler bitte prägte und prägt das Land mehr als Adenauer, der am 5. Januar vor 150 Jahren geboren wurde?
https://www.tagesspiegel.de/politik/150 ... 00230.html

Re: Zu Adenauers heutigem 150. Geburtstag

Verfasst: Dienstag 6. Januar 2026, 23:11
von Holuwir
Atheisius hat geschrieben: Montag 5. Januar 2026, 09:22 Konrad Adenauer legte die Weichenstellungen an, die der erste Kanzler der Bundesrepublik nach dem Krieg vornahm:
• die Westbindung,
• ...,
• den Beitritt zur Nato,
• ...,
• ....
... und besiegelte damit die Teilung Deutschlands. Alles Positive, was damit verbunden war, kam ausschließlich der westdeutschen Bevölkerung zugute. Die Ostdeutschen wurden dem Reich Stalins überlassen. Den führenden Köpfen der SPD hingegen wäre die durch Neutralität erreichbare Einheit Deutschlands wichtiger gewesen. Mit ihnen hätte es demzufolge diese Verwerfungen zwischen Ost und West, die bis heute gegenwärtig sind, nie gegeben. Ich verstehe nicht, warum dies bei den ersten Wahlen nach der Wende von der ostdeutschen Bevölkerung nicht honoriert worden ist, sondern ebendiese CDU Adenauers als stärkste Kraft hervorging.

Re: Zu Adenauers heutigem 150. Geburtstag

Verfasst: Mittwoch 7. Januar 2026, 14:27
von Atheisius
Atheisius hatte geschrieben
Konrad Adenauer legte die Weichenstellungen an, die der erste Kanzler der Bundesrepublik nach dem Krieg vornahm:
• die Westbindung,
• die Aussöhnung mit Frankreich,
• den Beitritt zur Nato,
• die Aussöhnung mit Israel,
• die europäische Integration.
Holuwir schrieb:
Ich verstehe nicht, warum dies bei den ersten Wahlen nach der Wende von der ostdeutschen Bevölkerung nicht honoriert worden ist, sondern ebendiese CDU Adenauers als stärkste Kraft hervorging.
Ich verstehe das. Ich bin in der DDR aufgewachsen und man muss schon in der DDR aufgewachsen sein, um das zu verstehen. Man muss schon die Repressalien miterlebt haben, welche von der stalinistischen SED (und auch der russischen Besatzungsmacht) gegenüber der eigenen Bevölkerung ausgeübt wurde. Besonders nach dem DDR-Volksaufstand von 1953.

Für die Teilung Deutschlands kann auch nicht Adenauer verantwortlich gemacht werden, sondern die Siegermächte, die Deutschland unter sich aufteilten. Die Russen hätten niemals ihre russische Besatzungszone aufgegeben, nachdem sie erstmals in Deutschland Fuß gefasst haben.

Zur Erinnerung: Am 17. Juni 1953 starben beim Volksaufstand in der DDR mindestens 55 Menschen durch Schüsse sowjetischer Soldaten und Volkspolizei, hinzu kamen Todesfälle durch Hinrichtungen (ca. 7), Haftbedingungen und Selbstmorde, insgesamt starben rund 100-120 Menschen, darunter auch DDR-Sicherheitskräfte, während der brutalen Niederschlagung der Proteste gegen höhere Arbeitsnormen und für Freiheitsrechte, was zu über 10.000 Verhaftungen führte.
https://www.bpb.de/themen/deutsche-teil ... juni-1953/

Insgesamt beteiligten sich mehr als eine Million Menschen an dem Aufstand, der für den Historiker Hubertus Knabe „in die Reihe der großen revolutionären Erhebungen in Deutschland“ gehört. In über 700 Städten der DDR kam es zu Streiks, Demonstrationen und zum Teil blutigen Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften. An seinem Höhepunkt am 17. Juni wurden alle Großstädte, die meisten Bezirkshauptstädte und weite Teile der kleineren Städte und Ortschaften erfasst. In Ost-Berlin, Merseburg und Halle (Saale) fanden die zahlenmäßig größten Proteste und Unruhen statt. Im Bezirk Halle und den Industriestädten um Leuna und Wolfen streikten und demonstrierten mehr als 100.000 Menschen. Die Demonstranten kamen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen. Teilweise wirkten die Menschen „beschwingt, als gingen sie auf ein Freudenfest“. In den Bezirken Halle, Dresden und Magdeburg erfolgten große, erfolgreiche Gefangenenbefreiungen aus DDR-Gefängnissen.
Die sowjetische Besatzungsmacht beendete den Aufstand gewaltsam durch Truppen der Sowjetarmee unter Beteiligung von Polizeikräften des DDR-Regimes. Die Niederschlagung war „einer der größten Militäreinsätze in der europäischen Nachkriegsgeschichte“. Über 50 Aufständische wurden von sowjetischen Soldaten bzw. den DDR-Sicherheitsorganen getötet oder von der sowjetischen bzw. der DDR-Justiz zum Tode verurteilt. Außerdem wurden mindestens fünf Angehörige der DDR-Sicherheitsorgane getötet. Das SED-Regime inhaftierte in der Folge mehr als 15.000 Bürger und verurteilte Tausende von unschuldigen DDR-Bürgern zum Teil zu mehrjährigen Haftstrafen. Als Reaktion auf den Aufstand erfolgte zudem der massive Aufbau der DDR-Staatssicherheit.
https://de.wikipedia.org/wiki/Aufstand_ ... _Juni_1953

Re: Zu Adenauers heutigem 150. Geburtstag

Verfasst: Mittwoch 7. Januar 2026, 21:22
von Holuwir
Es ist alles richtig was du schreibst, bis auf diesen einen entscheidenden Satz:
Atheisius hat geschrieben: Mittwoch 7. Januar 2026, 14:27 Die Russen hätten niemals ihre russische Besatzungszone aufgegeben, nachdem sie erstmals in Deutschland Fuß gefasst haben.
Es gab diese Stalin-Note vom 10. März 1952. Sie war ein diplomatisches Angebot der Sowjetunion an die drei Westmächte (USA, Großbritannien, Frankreich), das formal eine Wiedervereinigung Deutschlands in Aussicht stellte. Hierzu auszugsweise eine Zusammenstellung durch ChatGPT:

Zentrale Inhalte der Note:
1. Wiedervereinigung Deutschlands
  • Bildung eines gesamtdeutschen Staates auf der Grundlage freier Wahlen
  • Auflösung der Besatzungszonen
  • Abzug aller Besatzungstruppen nach Abschluss eines Friedensvertrags
2. Neutralität Deutschlands
  • Deutschland sollte keinem Militärbündnis angehören
  • Verbot militärischer Bündnisse gegen ehemalige Kriegsgegner
  • Keine ausländischen Truppen auf deutschem Boden
3. Begrenzte deutsche Streitkräfte
  • Deutschland durfte eigene Streitkräfte zur Selbstverteidigung unterhalten
  • Strikte quantitative und qualitative Begrenzungen
4. Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze
  • Endgültige Anerkennung der Ostgrenze Deutschlands
  • Verzicht auf Gebietsansprüche
5. Demokratische und antifaschistische Ordnung
  • Garantie demokratischer Rechte
  • Verbot nationalsozialistischer Organisationen
Stalin war also zu einem Rückzug aus Deutschland nur bereit, wenn:
  • Deutschland neutral blieb,
  • keine Westbindung erfolgte,
  • die sowjetische Sicherheitsordnung in Europa unangetastet blieb.
Bundeskanzler Konrad Adenauer lehnte die Stalin-Note ab, weil er:
  • Neutralität als unsicher und gefährlich ansah,
  • langfristige Sicherheit nur in der Westbindung gewährleistet sah,
  • befürchtete, dass eine Neutralisierung Deutschlands die junge Demokratie destabilisieren würde.
Die Folge war die Verfestigung der deutschen Teilung.

Unter dem Parteivorsitzenden Kurt Schumacher (bis August 1952) und der parlamentarischen Führung der SPD galt:
  • Die Wiedervereinigung Deutschlands hatte für die SPD höchste Priorität.
  • Die SPD lehnte eine vorschnelle militärische Westintegration (Wiederbewaffnung, EVG) ab, wenn diese die Teilung Deutschlands dauerhaft zementieren würde.
Sie warf der Bundesregierung vor:
  • die Wiedervereinigung der Westbindung unterzuordnen,
  • die Stalin-Note vorschnell als Täuschungsmanöver abzutun,
  • Chancen auf diplomatische Bewegung nicht auszuloten.
  • Adenauers kategorische Ablehnung wurde als unverantwortlich und einseitig kritisiert.

Re: Zu Adenauers heutigem 150. Geburtstag

Verfasst: Donnerstag 8. Januar 2026, 11:59
von Atheisius
Hallo Holuwir,
Du hast diese Information, die unter deinen erwähnten Punkten richtig sind, sicherlich von der Wikipedia übernommen, hast aber leider nicht alles angeführt.
https://www.google.com/search?q=stalin- ... nt=gws-wiz

Die Reaktionen der Westmächte & Adenauers:
Skepsis:
Die Westmächte und Bundeskanzler Adenauer sahen darin ein sowjetisches Manöver, die Westintegration der Bundesrepublik zu verhindern.
Ablehnung:
Sie lehnten das Angebot ab und forderten zuerst freie Wahlen unter UN-Aufsicht, um eine gesamtdeutsche Regierung zu bilden.
Bedeutung & Folgen:
Es war der letzte große Versuch, die Teilung durch eine Verhandlung zu überwinden, der jedoch scheiterte.
Festigung der Teilung:
Die Ablehnung zementierte die Teilung und beschleunigte die Westintegration der BRD (Beitritt zur NATO), während die DDR sich enger an den Ostblock band.
Historische Debatte:

Bis heute wird diskutiert, ob Stalin ein ernsthaftes Angebot machte oder nur Propaganda betrieb, um die Westmächte zu spalten.

Stalin-Noten:

Die westdeutsche Bundesregierung lehnte jegliche Gespräche mit der DDR-Führung ab, da sie diese nicht als völkerrechtlichen Staat anerkennen wollte.
Nach einem Vorschlag der SED richtete sich die sowjetische Führung mit den sogenannten Stalin-Noten an die Westmächte, um eine Lösung bezüglich der Deutschen Frage zu finden. Diese wurden am 10. März 1952 von Andrei Gromyko überreicht. Sie beinhalteten Vorschläge für einen gemeinsamen Friedensvertrag, die deutsche Wiedervereinigung unter neutralen Vorzeichen, Abziehung alliierter Streitkräfte sowie Einführung demokratischer Rechte.
Die Westmächte reagierten darauf, indem sie freie Wahlen und die Eingliederung Deutschlands in ein defensives Militärbündnis forderten.
Konrad Adenauer lehnte die Stalin-Noten schließlich ab und befürwortete weiterhin die Westintegration. Diese sollte die BRD zu einem wirtschaftlich starken Staat machen, sodass sie auf den Osten wie ein Magnet wirke, um somit eine deutsche Wiedervereinigung zu ermöglichen.
Folgen:
Adenauer und die Westmächte betrachteten die Stalin-Noten eher als Täuschungsmanöver, da sie befürchteten, dass die Sowjetunion den Sozialismus schrittweise über Gesamtdeutschland ausbreiten könne. Sie lehnten die Kollektivierung und das sozialistische Einparteiensystem der SED in der DDR kategorisch ab. Infolgedessen kam es zur endgültigen Teilung Deutschlands und Europas in zwei Machtblöcke. Adenauers Westintegration zementierte demzufolge zwar die deutsche Teilung, schuf aber auch die Grundlage für das “Wirtschaftswunder” in den 1950er Jahren.
Der Historiker Gerhard Wettig argumentiert basierend auf Gesprächen zwischen der SED und Stalin, dass die Note lediglich ein Täuschungsmanöver war. Die DDR-Führung konnte nach der westlichen Ablehnung behaupten, die Westmächte seien gegen die deutsche Einheit – ein propagandistischer Vorteil für den Ostblock.

Re: Zu Adenauers heutigem 150. Geburtstag

Verfasst: Donnerstag 8. Januar 2026, 22:13
von Holuwir
Atheisius hat geschrieben: Donnerstag 8. Januar 2026, 11:59 Die Westmächte und Bundeskanzler Adenauer sahen darin ein sowjetisches Manöver, die Westintegration der Bundesrepublik zu verhindern.
Natürlich verfolgte Stalin damit eigene Interessen. Was ist daran zu verurteilen? Die Frage ist, ob davon auch deutsche Interessen provitieren konnten.
Atheisius hat geschrieben: Donnerstag 8. Januar 2026, 11:59Sie lehnten das Angebot ab und forderten zuerst freie Wahlen unter UN-Aufsicht, um eine gesamtdeutsche Regierung zu bilden.
Ich hatte die Info, dass Stalin dies angeboten hätte und habe ChatGPT deswegen die Frage gestellt: "Stand "Bildung eines gesamtdeutschen Staates auf der Grundlage freier Wahlen" tatsächlich in der Stalin-Note?
Hier die Antwort:
Kurz gesagt: Ja – in der Stalin-Note wurde die Bildung eines gesamtdeutschen Staates auf der Grundlage freier Wahlen ausdrücklich in Aussicht gestellt, allerdings in einer bewusst offenen und juristisch unverbindlichen Formulierung.
Im Detail ist Folgendes wichtig:

1. Wortlaut und Inhalt der Stalin-Note (10. März 1952)
Die Stalin-Note sprach nicht wörtlich von „freien Wahlen“ im westlichen demokratischen Sinn, enthielt aber diese Kernaussage:
  • Es solle ein einheitlicher deutscher Staat geschaffen werden,
  • der durch eine gesamtdeutsche Regierung gebildet werde,
  • deren Zusammensetzung sich aus dem „Willen des deutschen Volkes“ ergeben solle,
  • unter Gewährleistung demokratischer Rechte und Freiheiten (Parteien, Presse, Versammlungen).
Sinngemäß hieß es, dass die deutsche Regierung auf der Grundlage demokratischer Prinzipien zu bilden sei und dass alle demokratischen Parteien zugelassen würden.
In der zeitgenössischen politischen Sprache der Diplomatie wurde dies von der Sowjetunion als Angebot freier gesamtdeutscher Wahlen dargestellt.

2. Der entscheidende Haken: Was fehlte?
Aus westlicher (und später auch historischer) Sicht waren drei Punkte problematisch:
a) Keine Definition von „frei“
Die Note:
  • legte keine konkreten Wahlstandards fest,
  • nannte keine Kontrollmechanismen,
  • erwähnte keine internationale Wahlaufsicht (z. B. durch die UNO).
Gerade vor dem Hintergrund der politischen Praxis in Osteuropa wurde dies als gravierende Leerstelle gesehen.
b) Keine Vorbedingungen für gleiche Ausgangslagen
Die Stalin-Note enthielt keine Zusage, dass:
  • die SED ihren Machtapparat aufgeben müsse,
  • politische Repressionen in der SBZ/DDR vor Wahlen beendet würden,
  • Presse- und Parteienfreiheit faktisch hergestellt würden.
Damit bestand aus westlicher Sicht die Gefahr, dass Wahlen formal pluralistisch, aber real nicht frei wären.
c) Zeitliche Reihenfolge zu Gunsten der UdSSR
Die Note implizierte:
  • erst Bildung einer gesamtdeutschen Regierung,
  • dann Abschluss eines Friedensvertrags,
  • danach Abzug der Besatzungstruppen.
Der Westen befürchtete, dass die Sowjetunion vor Abschluss des Prozesses entscheidenden Einfluss behalten würde.

3. Zeitgenössische Interpretation
Sowjetische Darstellung:
Die Note sei ein ehrliches Angebot freier Wahlen und nationaler Einheit.
Westliche Regierungen:
Die Formulierung sei bewusst vage, um politischen Spielraum für sowjetische Einflussnahme zu lassen.
Das mag ja alles sein und ich will dem nicht widersprechen. Aber um dies alles zu klären und im Detail festzulegen, hätten eben ernsthafte Verhandlungen geführt werden müssen. Das ist ja deren Sinn. Aber diese wurden nicht geführt, weil die Westintegration, die Stalin damit verhindern wollte, praktisch beschlossene Sache war. Die deutsche Einheit wurde dafür geopfert. Das kam durchaus der Bevölkerung in den westliichen Besatzungszonen entgegen, ganz im Gegenteil zu der im Osten. Diese blieb der sowjetischen Vormacht schutzlos ausgeliefert.

Re: Zu Adenauers heutigem 150. Geburtstag

Verfasst: Donnerstag 8. Januar 2026, 22:36
von Atheisius
Ich habe in der Zeitschrift „Stern“ von heute (08.01.2026) einen Artikel von Nico Fried gelesen.

Hier ein paar Auszüge:

Der Historiker Norbert Frei überlässt in seiner lesenswerten Biografie das letzte Urteil über Adenauer sogar einem von dessen härtesten Kritikern. Rudolf Augstein, der "Spiegel"-Herausgeber, dem Adenauer einen "Abgrund von Landesverrat" vorgeworfen hatte, schrieb in seinem Nachruf: "Er war ein ganz großer Häuptling."

In Adenauers Jubiläumsjahr steht die Westbindung, die er durchsetzte, weil ihm die Freiheit wichtiger war als die Einheit, vor ihrer schwersten Belastungsprobe – nicht etwa, weil die Deutschen ausscheren, sondern weil Donald Trump an Europa kein Interesse mehr hat.

Dass das deutsch-französische Verhältnis kontinuierlich an Kraft verliert, hat seine Gründe eher in den handelnden Figuren auf beiden Seiten.

Auch die Beziehungen zu Israel, die eigentlich undenkbar waren und doch fast selbstverständlich wurden, erleben eine harte Phase, in der Friedrich Merz sogar die unbedingte Solidarität infrage stellte.
Die Tiefe der Risse in Adenauers Erbe zeigt das Ausmaß des Epochenwechsels, der Zeitenwende oder wie immer man sonst nennen will, was wir gerade erleben.
Das Europa, das Adenauer und andere aufbauten, zerfleddert an den Rändern und ächzt in seinem Zentrum.

Und die Innenpolitik steht dem in nichts nach. Das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit ist in der gegenwärtigen Krise nur noch Legende. Die dynamische Rentenversicherung mit Umlagefinanzierung, mit deren Einführung Adenauer sich 1957 die wohl für immer einzige absolute Mehrheit bei einer Bundestagswahl sicherte, gilt heute als Inbegriff eines überforderten Sozialstaats.

Den Mut wiederum, wie Adenauer beim Lastenausgleich, Reiche für eine Vermögensabgabe heranzuziehen, hat in der Union von heute bislang niemand.

Re: Zu Adenauers heutigem 150. Geburtstag

Verfasst: Donnerstag 8. Januar 2026, 23:23
von Holuwir
Atheisius hat geschrieben: Donnerstag 8. Januar 2026, 22:36 die Westbindung, die er durchsetzte, weil ihm die Freiheit wichtiger war als die Einheit
Aber es war die Freiheit der westdeutschen Bevölkerung für den Preis der Unfreiheit der ostdeutschen. Die Folgen daraus sind nach der Wiedervereinigung anscheinend unüberwindbar und drohen unser Land politisch zu zerreißen. Sie tragen zum Niedergang der europäischen Idee erheblich bei. Wo sind die Schuhmachers, die Brandts mit dem Mut zur blockübergreifenden Versöhnung!